2. Preis des Schulwettbewerbs:
Beitrag von 7b des Österreichischen Gymnasiums Prag


EINE REISE ZURÜCK ZUM 1. WELTKRIEG

 

EIN PROJEKTBEITRAG AUS DEM

ÖSTERREICHISCHEN GYMNASIUM PRAG

 

Österreichisches Gymnasium Prag (ÖGP)

U Uranie 14

170 00
 Prag 7

Tschechische Republik

tel./fax: +420 226 806 301

web: http://www.oegp.cz/

e-mail: info@oegp.cz

 

Projektklasse: 7.B, insgesamt 13 Schülerinnen und Schüler, fächerübergreifend aus Deutsch und Geschichte

Projektleitung: Mag. Ursula Stoff, Mag. Wolfgang Sperer (w.sperer@aon.at; tel: +43/650/4655 701

 

Vorbemerkung

Das ÖGP ist nicht eine Schule für AuslandsösterreicherInnen, sondern eine Schule, die für TschechInnen und BürgerInnen der Tschechischen Republik einen vollwertigen tschechischen wie auch österreichischen Maturaabschluss anbietet.

In der Projektklasse 7B befinden sich also vor allem SchülerInnen tschechischer, ansonsten eine Handvoll russischer, Schweizer und österreichischer Nationalität.

Das ÖGP ist ein Oberstufengymnasium (mit zwei vorangestellten Aufbaujahrgängen), in dem ab der 5. Klasse Gymnasium mit Ausnahme der Fremdsprachen und der tschechischen Muttersprache möglichst alle Gegenstände in deutscher Sprache und von österreichischen Lehrkräften unterrichtet werden sollen. Die Schule ist ein „Kind“ der Aufbruchstimmung nach dem Mauerfall und wurde 1991 mit dem Ziel gegründet, einen positiven Beitrag zu den tschechisch-österreichischen Beziehungen zu leisten.

 

Projektbericht

Von den Vorgaben hat die TeilnehmerInnen (im Folgenden genderneutral als TN gebraucht) insbesondere der persönliche Zugang angesprochen: dass nämlich in dem Beitrag Orts- und familiäre Bezüge zum Ersten Weltkrieg im Vordergrund stehen sollten bzw. konnten. Tschechien resp. das historische Böhmen als Teil der damaligen Habsburgermonarchie kämpfte im Verband der KuK-Monarchie auf der Seite der Mittelmächte und hat als solches wohl auch eine ähnliche Erinnerungskultur. Das zeigen nicht nur Architektur und Aufschrift des Kriegerdenkmals im Dorf Vejvanov, sondern auch viele andere Artefakte des Films wie die Widmung in dem Gebetbuch oder die wehmütige Erinnerung an das Familienhotel in Eugendorf bei Salzburg. Und doch gibt es auch Unterschiede, dass etwa nicht jährliche Erinnerungs- oder Gedächtnisfeiern mit Blaskapelle, Segnung durch den Priester uäm. vor den Weltkriegs-Denkmälern abgehalten werden.

Projektverlauf und -ziele

Der Beginn des Projekts lag im November 2014, als sich die Klasse nach gründlicher Auseinandersetzung mit dem Wettbewerbsfolder rasch und vor allem einstimmig für eine Teilnahme an diesem Wettbewerb entschied. Einhellig war auch die Absicht, dass jeder einzelne TN sich zunächst auf die Suche nach eigenen ortsbezogenen bzw. familiären Erinnerungs- und Erbstücken, Fundstücken und Objekten mit jedweder Art von Selbstbezug machen sollte. („Telefonieren, viele innerfamiliäre Gespräche, Stöbern in alten Laden und Kästen, in Kellern und Dachböden!“)

Diese weitgehend innerfamiliäre Recherche gestaltete sich anfangs sehr mühsam und schritt nur zögerlich voran. Hürden bildeten trotz moderner Kommunikation vor allem räumliche Distanzen, Großeltern, die im Ausland oder weit ab von Prag leben (was fast bei allen der Fall ist), erinnerte Gegenstände, die jedoch in einer entfernten russischen Stadt liegen uäm., Gegenstände schließlich auch, die Großeltern nicht außer Haus geben wollten, also von den TN nur vor Ort betrachtet und abgefilmt werden konnten. Das Wettbewerbsformat hat sich u.a. auch aus solchen Rahmenbedingungen ergeben.

Beim Sondieren und Auffinden wollte sich die 7B keine Einschränkungen auferlegen, prinzipiell sollte jeder Gegenstand es wert sein, als Artefakt für den Film aufgenommen zu werden, sofern er nachvollziehbare Bezüge zum Ersten Weltkrieg aufwies. Es ging den TN mit Vorsatz um die subjektive Bedeutung solcher mit familiärem Gedächtnis aufgeladenen Gegenstände und nicht um deren objektive Geschichtsträchtigkeit! Die diachrone „Reise“ in die vergangene Geschichte dieser Gegenstände sollte sich auch im Film mit den räumlichen Reisen zu den Gegenständen und Familienmitgliedern verbinden.

Im Jänner 2015 stand schließlich das „Inventar“ des Films fest, neun von 13 TN waren fündig geworden, und diese Fundstücke sollten auch das Herzstück des Beitrags liefern:

  • das Kriegerdenkmal im Dorf Vejvanov
  • eine Taschenuhr
  • ein Bajonett
  • zwei Feldpostkarten
  • das Foto eines Ururgroßvaters in Uniform mit rückwärtiger Aufschrift
  • ein Gebetbuch mit handschriftlichen Wünschen
  • eine Hupe
  • ein Taufschein
  • Familienfotos
  • ein Foto vom Santner-Hotel in Eugendorf
  • ein Pariser Stadtplan

 

Interessant war von allem Anfang an das Fehlen von Orden und Auszeichnungen aller Art, aber auch jeglichem schwejkhaftem Klischee. Trotz der Disparatheit dieser materialisierten Familienerinnerungen wollten wir auf keine von ihnen verzichten. Von nun an konnten die TN an die „Geschichten“ zu den Gegenständen und deren Verschriftlichung gehen: Texte wurden entworfen, verfasst und wieder verworfen, korrigiert und umgeschrieben und gekürzt.

Parallel dazu mussten bis Anfang März alle Reisen und die dazugehörigen Dreharbeiten abgeschlossen sein, was für alle Teilnehmenden im Wesentlichen Wochenendarbeit und damit Verzicht auf andere und freie Zeitgestaltung bedeutete.

Und bis zum Ende des März 2015 wurde dann redigiert, geschnitten, mit Musik unterlegt etc. und natürlich wieder und wieder korrigiert und ergänzt, im Plenum gesprochen und diskutiert und all das andere, was für die Fertigstellung eines solchen Produkte nötig schien und war.

Von der Idee zum Film

Das vorhandene Material hat natürlich auch die Form unseres Produktes bedingt. Andererseits wollten wir aber ohnedies konsequent den eingeschlagenen Weg auch zum Ziel des gesamten Beitrags machen. Unsere „Reise zum Ersten Weltkrieg“ sollte nicht die Erinnerungsgegenstände durch historische Recherche aufladen, sondern den subjektiven Aspekt der Erinnerung atmosphärisch im Film erkennbar machen.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der unsere Gegenstände entstammen, wollten wir durch den Film außerdem sichtbar machen, dass die Beschäftigung mit familiären Erinnerungsstücken an und aus dem Ersten Weltkrieg uns 100 Jahre nach dem Großen Krieg rücksichtslos in die Perspektive der Daheimgebliebenen gezwängt hatte: Beispielsweise in den Fällen, wo es um Abschied geht (bei den Feldpostkarten, dem Foto mit uniformierten Vorfahren, dem Gebetbuch, auch beim Pariser Stadtplan), wir heute die Leser der Abschiedsworte sind.

Der Film spiegelt schließlich und nicht zuletzt auch das Gemeinsame aller aufgefundenen Erinnerungsstücke wider, dass ihnen nämlich weniger ein objektiver Wert innewohnt, sie dagegen ihre familiäre Relevanz in der aufgeladenen Bedeutung durch das Erinnerte erhalten: Nicht so sehr der Gegenstand an sich ist also bedeutsam, sondern die damit verbundenen Empfindungen und Gefühle.

Interessant dabei ist, dass sich hierbei ein Kreis schließt, dass nämlich die Perspektive der damals Daheimgebliebenen (die ja viele dieser Erinnerungsstücke wie Fotos der uniformierten Angehörigen oder das Gebetbuch mit der Widmung als „Erinnerung“ aufbewahrten) sich mit der Perspektive von uns Nachgeborenen zu überschneiden scheint:

Das mit den Erinnerungsstücken tradierte Narrativ konnte weder für die einen noch kann es für uns heute als das eigentlich Bedeutsame angesehen werden. Denn diese Narrative, im Film als die eingeblendeten Erzähltexte zu den Erinnerungsgegenständen ersichtlich, sind ja meist spärlich und dürftig, da ist nichts über Helden und von Heldenhaftigkeit erzählt worden. Und das Erzählte teilte sich auch nicht kunstfertig, spannend und erst recht nicht als „abgeschlossene Geschichte“ mit. Im Gegenteil, das Wesen dieser „Erzählungen“ ist ihre Lückenhaftigkeit, ihnen fehlt das Ende und oft bleiben mehr Fragen offen als sie beantworten. Und diese Lücken werden die Angehörigen damals mit Angst und Sorge erfüllt haben, uns heute erfüllen sie mit Phantasie und Neugierde, beiden gemeinsam dürfte die daraus resultierende Unruhe und das Unwissen darüber sein, wie es eigentlich gewesen ist.

 

Das Denkmal für die Opfer des 1. Weltkriegs im Dorf Vejvanov (Martin Pavlíček)

Zehn Männer aus dem Dorf sind in diesem grausamen Krieg gefallen. Ihnen zu Ehren wurde dieses Denkmal am 6. September 1922 enthüllt.

Die Taschenuhr (Kateřina Lemerová)

Die Taschenuhr ist ein Familienerbstück, das ursprünglich meinem Ururgroßvater gehörte. Diese Taschenuhr, die schon oftmals repariert wurde und heute leider stehengeblieben ist, ist der wertvollste Gegenstand, den ich besitze. Sie ermöglicht mir, in Kontakt mit meinen schon lange toten Vorfahren zu bleiben, die ich niemals kennen lernen konnte.

Das Bajonett (Magda Foltýnová)

Das einzige Stück, das meine Familie aus dem Ersten Weltkrieg hat, ist ein gebrauchtes Bajonett. Der Großvater meiner Großmutter hat mit diesem Bajonett in Sarajevo gekämpft und vielleicht ist er dank dieses Bajonetts nach Tschechien zurückgekommen. Obwohl er jetzt schon lange tot ist, haben wir ihn nicht vergessen.

Zwei Feldpostkarten (Carlo Marion)

Mein Ururgroßvater und sein Bruder waren Soldaten im ersten Weltkrieg. Mein Ururgroßvater hieß Jaroslav Kraus und sein Bruder hieß Václav Kraus. Wir haben noch zwei Feldpostkarten, die Václav Kraus seinen Eltern geschickt hat. Von Jaroslav gibt es leider keine Erinnerungsstücke mehr.

Beide Brüder kämpften in Serbien. Leider waren sie nicht in der gleichen Einheit, deshalb hatten sie keinen Kontakt.

Die zwei Feldpostkarten stammen vom 9. und vom 15. Mai 1915. Im ersten Schreiben bittet Václav seine Eltern, ob sie ihm nicht Essen schicken könnten, weil es an der Front nicht genug Essen gab.

In der zweiten Karte dankt er für ein Stück Salami. Er und seine Freunde haben sie gegessen, obwohl sie schon verschimmelt war. Václav Kraus war zu dieser Zeit in Szeged, einer Stadt in Ungarn an der Grenze zu Serbien. Er schreibt, dass er sehr bald noch näher an die Kampflinie gehen müsse.

Das war die letzte Feldpostkarte, die seine Eltern bekamen. Die Familie besitzt auch keine Todesurkunde. Man weiß nicht was mit Václav passierte. Sein Bruder, mein Ururgroßvater, ist am 23. Jänner 1916 in Serbien gefallen.

Erinnerungsstück 1: Das Fotoalbum (Dominik Pilnáček )

Das Fotoalbum meiner Großmutter enthält zahlreiche Fotos aus dem vorigen Jahrhundert, darunter auch ein Foto von meinem Ururgroßvater in Uniform. Auf der Rückseite des Fotos steht eine Botschaft: “Erinnerung an die Zeiten des Krieges in den Jahren 1914-1915. Ich wünsche auch dem Wenzel eine frohe und glückliche Feier.” Heute weiß leider niemand, welche Feier er damals gemeint hat.

Erinnerungsstück 2: Das Gebetbuch (Dominik Pilnáček )

Das Gebetbuch meines Ururgroßvaters hat eine große Bedeutung für meine Familie. Vor allem meine Großmutter ist auf dieses Erinnerungsstück besonders stolz. Es ist ein ganz normales Gebetbuch, aber mein Ururgroßvater schrieb eine Widmung hinein: “Allen meinen Lieben zu Hause, Kurz vor dem Abmarsch an die Front, am 4.11.1917 ”. Eben diese Widmung ist das ganz Spezielle und Einmalige an diesem Gebetbuch. Ich kann mir eine Situation, in der ich so etwas meiner Familie schicke, bevor ich hinausgehen muss, um womöglich mein Leben zu verlieren, überhaupt nicht vorstellen. Das Buch bringt mich auf den Gedanken, dass eigentlich 100 Jahre nicht so ein großer Zeitraum sind, aber trotzdem hat sich Vieles total verändert.

Die Hupe (Denis Tagunkov)

Mein Ururgroßvater arbeitete seit 1910 in einer Bierfabrik und der Ingenieur dieser Fabrik besaß das erste Auto mit einer Hupe, die außen auf dem Fahrzeug montiert war.

In diesem Auto begleitete mein Ururgroßvater den Besitzer auf vielen Dienstreisen. Mit dem Beginn des 1. Weltkriegs wurde es von der Armee requiriert, aber die Hupe verblieb bei meinem Ururgroßvater. Sie ist heute das einzige Stück, das wir noch von meinem Ururgroßvater haben.

Das Familienfoto (Sofie Němečková)

Das Familienfoto gehörte meiner Urgroßmutter, es liegt heute im Fotoalbum meiner Mutter, wo alle Fotos von unseren Vorfahren aufbewahrt werden.

Das Familienfoto ließ meine Ururgroßmutter für ihren Mann machen, während er an der Ostfront in Russland war. Er sollte wissen, dass seine Frau und seine Kinder an ihn dachten.

Das Gedenken an das ehemalige Santner-Hotel (Miriam Ryšková)

Die Anfänge des Santner-Hotels gehen weit in die Vergangenheit zurück und das Hotel steht bis heute.

Das alte Foto zeigt die Familie meines Ururgroßvaters. Auch mein Urgroßvater, noch in seinen ersten Lebensjahren, ist darauf zu sehen. Sie stehen vor dem Santner Hotel, das bis heute im Besitz unserer Familie ist. Es liegt in der Nähe von Salzburg in Eugendorf. Auf diesem Familienfoto sind die Pferde sehr deutlich zu sehen, weil sie die Stärke und den Reichtum der Familie sichtbar machten. Pferde waren in jener Zeit auch die stärksten und wertvollsten Tiere.

Quellennachweise:

Gegenstände und Fotos incl. dem Videomaterial stammen aus den Privatbeständen von Foltýnová Magdaléna, Lemerová Kateřina, Marion Carlo, Němečková Sofie, Pavlíček Martin, Pilnáček Dominik, Ryšková Miriam, Tagunkov Denis & Tučková Klára

Unterlegte Musik: Kevin MacLeod: “Sovereign Quarter”, hochgeladen am 26.3.2015 von der Site http://incompetech.com/music/royalty-free/index.html?isrc=USUAN1100454


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